Freitag, 23. September 2011

Zwischen Popst und Politik

Mindestens zwei deutsche Politiker werden Gott bzw. seinem Vertreter auf Erden, dem Papst, für dessen Besuch in Deutschland für immer und ewig dankbar sein: nach Wochen, gar Monaten negativer Medienberichte können Merkel und vor allem Rösler dank dem umstrittenen Papstbesuch endlich eine mediale Verschnaufpause einlegen. Endlich gibt es in der Presse mal ein anderes Topthema als Euro-Rettung und Regierungskrise. Man fragt sich schon, wo die beiden abgeblieben sind, so still ist es derzeit um sie geworden. Möglicherweise gibt es morgen in der Bild-Zeitung die ersten Schlagzeilen: "Skandal beim Oktoberfest: Rösler tanzt nackt mit Merkel auf den Tischen". Na dann Prost!
Dabei ist es schon erstaunlich, wie der Papst nach sechs relativ unspektakulären Amtsjahren die Gemüter der Deutschen plötzlich zu bewegen vermag. Ausgelöst durch die Einladung an den Papst, während eines Deutschlandbesuchs eine Rede im Bundestag zu halten, kündigten um die 100 Parlamentarier der Opposition an, die Rede zu boykottieren. Ein religiöser Würdenträger habe auf der weltlichen Regierungsbühne nichts zu suchen. Daraufhin konnten sich die christlichen (und etwas kleinlauteren liberalen) Regierungsparteien nach einer langen Durststrecke endlich mal wieder am vermeintlichen Fehlverhalten ihrer politischen Gegner gütlich tun. Immerhin ist der Papst ja auch das Regierungsoberhaupt des Vatikans und insofern auf jeden Fall berechtigt, den Bundestag mit seinen Sichtweisen zu erhellen. Und während der Papst eine unerwartet harmlose und im Hinblick auf die Erwartungen tatsächlich enttäuschende Rede vor den restlichen Regierungsvertretern und einem Haufen "Ehrenamtlicher" hielt, liefen 9000 Kirchenkritiker, Schwule, Lesben und Missbrauchsopfern auf einem Protestmarsch durch die Hauptstadt, um ihrem Unmut gegen den Papst Luft zu machen. Gegen seine Ignoranz gegenüber der Ökumene, seine Sanktionierung von Homophobie, seine Ablehnung von Kondomen als Schutz vor Geschlechtskrankheiten, seine Tatenlosigkeit gegenüber Missbrauchsopfern, kurzum gegen eine rückwärtsgerichtete katholische Kirche. Gekrönt wurde dann der gestrige Tag durch eine Messe der Superlative im Berliner Olympiastadion, die den Papst eher wie einen Popst(ar) inszenierte.

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Da wundert es kaum mehr, dass ein Teil der Berichterstattung nach tagelanger kritischer Betrachtung des Papstbesuchs nun nahezu missionarisch daher kommt. Ein Spiegel Online Artikel z.B. berichtet über einen Papst-Fan, der seinem vorherigen Lotterleben abgeschworen hat, um Priester oder gar Mönch zu werden, denn "Der Herr ist mit den Sündern". Bei Zeit Online wird "mit dem Papst" gefeiert und ausschließlich die Glückseligkeit von singenden Jugendlichen, gottesfürchtigen Müttern und sogar von frommen Schaulustigen in einer Neuköllner Kirche beschrieben, die alle nur das eine wollen: den Papst mit eigenen Augen sehen und eine Messe mit ihm erleben. In einem anderen Zeit Online Bericht kommt die Redakteurin zu dem erstaunlichen Schluss "Auch Päpste können vernünftig sein" und erteilt den Papstkritikern, die sie "Dogmatiker aller Lager" nennt, eine fette Absage. Der Papst hätte im Bundestag ein "einsichtiges, sachliches, bescheidenes, versöhnliches, kluges – mit einem Wort: vernünftiges Auftreten" an den Tag gelegt und zwei "ganz große Menschheitsthemen" in seiner Rede in den Mittelpunkt gestellt. Vernunft und Gerechtigkeit, das sind in der Tat wichtige Themen, jedoch hat eine philosophische, mit Bibelzitaten gespickte Abhandlung über diese Begriffe und ihr Verständnis nichts zu tun mit der Realität in der modernen Welt: wo ist die Vernunft in der Verdammung von Kondomen als Verhütungsmittel, wenn es im religiösen Afrika kaum kontrollierbare Überbevölkerung, Hungersnöte und Millionen AIDS-Infizierte gibt? Worin besteht die Gerechtigkeit, wenn katholische Priester sich an ihren Schützlingen vergehen? Was haben heutzutage Vernunft und Gerechtigkeit mit Homophobie und der vermeintlich "natürlichen Stellung der Frau" zu tun? Das päpstliche Verständnis dieser beiden Werte, Vernunft und Gerechtigkeit, ist nun mal geprägt von dem Jahrtausende alten und mittlerweile extrem realitätsfernen Dogma der katholischen Kirche und hat in diesem Sinne im politischen Alltag der modernen Welt keine Relevanz. Zumindest solange, bis die katholische Kirche, allen voran der Papst, ihre philosophischen Gedankengänge endlich mit den realen Problemen in der Welt verknüpft und zu wahrhaft vernünftigen Schlussfolgerungen kommt: der offene und willkommene Dialog der Kirche mit anderen Konfessionen, kostenlose Verhütung für alle, die es nötig haben, Gleichberechtigung von Homosexuellen und Frauen in der Gesellschaft und der Kirche und Entschädigungen für diejenigen, die von katholischen Priestern missbraucht und gequält wurden.
Zum Glück gibt es genügend Redakteure bei Zeit, Spiegel, Stern und Co, die die Ereignisse mehrdimensionaler betrachten können und interessante Interviews und Berichte schreiben. Besonders der Witz über die Toleranzprobe des Papstes hat es mir angetan: "Benedikt trifft in Berlin auf einen katholischen Geschiedenen, eine protestantische Pfarrerstochter und einen schwulen Bürgermeister". Gemeint sind natürlich Bundespräsident Wulff, FRAU Kanzlerin Merkel und Berlins SCHWULES Oberhaupt Wowereit. Die Ironie dieser Begegnungen versöhnt mich dann schon wieder, obgleich die offensichtliche Heuchelei, die dahinter steckt, fast das nächste Fass zum Überlaufen bringt.
Es ist aber beruhigend zu wissen, dass nächste Woche wieder alles beim Alten sein wird: Merkel und Schäuble gegen Rösler und Seehofer, Opposition gegen Regierungsparteien, Herbst gegen Spätsommer, Europa gegen den Rest der Welt. Es bleibt spannend.

Mittwoch, 21. September 2011

Was hat Gott damit zu tun?

Dass die USA seit geraumer Zeit massive Probleme hat, sowohl innen-, finanz- als auch außenpolitisch, ist nun wahrlich kein Geheimnis. Man mag es auf den 11. September schieben oder vielleicht doch eher auf Bush's Reaktion darauf, Fakt ist allerdings, dass sich die goldenen, weltherrschaftlichen Zeiten des nordamerikanischen Staates dem Ende zu neigen. Nicht zuletzt weil erzkonservative, reaktionäre und bibelfeste Kräfte innerhalb des Landes clever genug sind, die Ängste und Sorgen der Bevölkerung bzw. die Ängste und Sorgen der größten Wählerschicht für ihre Zwecke zu nutzen. Nehmen wir Rick Perry, Republikaner mit Leib und Seele und erbitterter Gegner Obamas:
Rick Perry denkt... Bildquelle

Eine allgemeine Krankenversicherung? No way, das ist für die Mittelschicht zu teuer! Dafür gibt es zu viele Arme und Kranke im Land. Das geht nicht. Besser das bleibt ein Privileg für diejenigen mit genug Geld, um sich Gesundheit leisten zu können.
Finanzmarktregulation durch eine weltweite Finanztransaktionssteuer? Oh my God, völlig ausgeschlossen. Die armen Spekulanten, die armen Banken, sollen sie denn wirklich bluten für den Unfug, den sie die ganze Zeit an den Börsen treiben? Nein, das können wir nicht verantworten! Wer bezahlt uns denn sonst unseren Urlaub auf Hawaii?
Eine Reichensteuer? Are you crazy? Ist Obama womöglich zu den Kommunisten übergelaufen? Was hat Gleichberechtigung im Steuerrecht zu suchen? Nee, nee, nee, so ein populistischer Mumpitz geht doch auf keine Kuhhaut. Am Ende sollen die Senatoren und Regierungsabgeordneten ebenfalls die erhöhten Steuersätze zahlen und das damit verdiente Geld wird für soziale Projekte ausgegeben. Phah!
Palästina in der UNO? Unthinkable! Denkt nur an die ganzen Terroristen, die dort für die Unabhängigkeit ihres Staates von Israel kämpfen. Diese Palästina-Kuschelpolitik ist doch nur darauf aus, den Gaza-Streifen endlich zu befrieden. Aber wer kauft dann unsere hochmodernen Waffen? Wer braucht uns dann noch als Verbündeten und Schützenhilfe in letzter Not? Achso ja, Afghanistan, Irak und so. Aber mal ehrlich, wir lieben es doch, wenn sich alle miteinander streiten. Wir sind doch so gern der lachende Dritte. Unter den Umständen, lieber nicht. Lieber wieder mit Israel, dem Oberstreithahn, kuscheln. Das bringt mehr Freude und mehr Profit!
Nun gut, wenn's denn unbedingt sein muss, machen wir zumindest dieses eine Zugeständnis: Schwule und Lesben im US-Militär dürfen sich ab jetzt offen zu ihrer sexuellen Neigung bekennen, ohne Angst haben zu müssen, gefeuert zu werden, wie die 14.000 ehemaligen Armeeangehörigen, die seit 1993 aufgrund ihrer sexuellen Vorlieben den Dienst quittieren mussten. Don't ask, don't tell war gestern, aber sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt! Denn jetzt wo jeder kann, wie er oder sie will, machen die das vielleicht auch noch ganz offen. Sex überall! Sodom und Gomorrha! Eieieieieiei, wir haben's doch gleich gewusst. Das wird böse enden. Gibt's nicht noch irgendwo einen Krieg, wo wir die alle hinschicken können?
Aber zum Glück haben wir die Tea Party, die wird das schon wieder richten. Wenn Obama erstmal besiegt ist, drehen wir alles wieder so hin, wie wir Republikaner das wollen. Das einzig Blöde ist, dass die Tea Party Weiber so OFFEN dumm sind und noch dazu weiblich! Nicht dass wir zu allem Übel noch eine weibliche Präsidentin bekommen!
OH MY GOD!

Freitag, 16. September 2011

Deutschlandtrend - Wie die Fähnchen im Wind

Glaubt man den Statistikern der ARD, die fleißig Daten sammeln und diese regelmäßig auswerten, schwingen einige Deutsche - aktuell immerhin 2 Prozent, was einer Zahl von ca. 120.000 Wahlberechtigten entspricht - wie die Fähnchen im Wind hin und her. Hin zur Antipathie und her zur erneuten Sympathie mit der FDP. Abhängig ist das vom launischen Hauch, der aus der FDP-Zentrale in der Hauptstadt weht. Ist man dort gerade eins oder uneins mit dem Koalitionspartner CDU? Ist man diese Woche für oder gegen Eurorettung durch Griechenlandhilfen, Steuererhöhungen oder Sparmaßnahmen?

Bildquelle: Tagesspiegel und DDP
Rösler, Lindner und Co., die jungen Wilden mit liberalem Schlips, Kragen und vollmundig leeren Phrasen, haben sich offenbar momentan zum wiederholten Mal dazu entschieden, dem eigenen Regierungspartner Kontra zu geben und die aktuelle Griechenland-Debatte noch mehr mit medial ausgefochtenen Wortgefechten zu würzen. Der Grund: die stetig fallenden Umfragewerte der vergangenen Wochen, die kürzlich bis auf mickrige 3 Prozent gefallen waren.
Und diese neuerlich erworbene, Europa-kritische Haltung kommt an. Zumindest bei den zusätzlichen 2 Prozent der Befragten, die die liberale Partei wieder auf dem richtigen Kurs wähnen. Wohin allerdings führt dieser Kurs? Dabei muss man womöglich unterscheiden zwischen dem erwünschten und dem reellen Ziel. Ersteres ist vielleicht die Weltherrschaft, letzteres aber auf jeden Fall die politische Disqualifikation durch unberechenbare Manöver, die national und international zu unnötigen Turbulenzen führen.
Zugegeben, an dieser Fähnchen-Krankheit, die nicht nur die FDP-Wähler sondern auch die Partei selbst befallen hat, leiden viele Parteien. Eigentlich alle Parteien, die je an der Regierung beteiligt waren, sind oder sein werden. Die meisten jedoch können die Symptome etwas abschwächen und somit ihre Glaubwürdigkeit besser schützen: z.B. durch weniger bzw. seltenere drastische Kurs- und Meinungswechsel. Mediale Bescheidenheit könnte gelegentlich auch helfen, wobei das böse B-Wort sicherlich nicht Teil des politischen Verständnisses der Liberalen ist.
In Zukunft wird sich wohl jede Regierungspartei genau überlegen, mit wem sie sich verbündet, um gemeinsam Politik zu machen. Die FDP wird sicherlich niemand mehr zu Koalitionsgesprächen einladen. Dafür, Herr Rösler, haben Sie sich höchstselbst zu danken. Ich gratuliere.

Mittwoch, 13. Juli 2011

Die Macht der Meinung

Rupert Murdoch ist weltweit die Nummer Eins unter den Meinungsmachern. Und warum? Er ist der Kopf des größten Medienimperiums der Welt. Fast ein Berlusconi der globalen Medien. Fehlt eigentlich nur noch, dass er offiziell den Titel Weltherrscher bekommt. Nahezu überall und in fast jedem Land macht er sich seine druckerschwarzen Fingerchen noch schmutziger. Und das mit Erfolg. Aber vielleicht nicht mehr lange.

Bildquelle: flickr.com, DonkeyHotey
Der aktuelle Skandal über das traditionsreichste von Murdoch's Blättchen, die "News of the World", bringt einiges an die Oberfläche, allerdings wundert mich, wie überrascht sich alle möglichen Leute von den kreativen Informationsbeschaffungsmaßnahmen zeigen, sind doch diese Praktiken bestimmt mehr Gang und Gäbe in der Branche als es den Anschein hat. Gut, mobile Anrufbeantworter von einer später getöteten Entführten zu hacken und Nachrichten sogar zu löschen, dürfte selbst die härtesten unter den Medienschaffenden schocken. Aber niemand kann mir erzählen, dass Abhöraktionen und Schnüffelei in den intimsten Bereichen der in der Öffentlichkeit stehenden Menschen nicht zum täglich Brot von Bild, Gala und Co gehören. In dem heißen Kampf um Leser und Zuschauer muss man nun mal moralische Opfer bringen, nicht zuletzt weil sich Otto Normalverbraucher für die best gehütetsten Geheimnisse und schockierendsten Neuigkeiten am meisten interessiert. Eine Schlagzeile wie "Bohlen ist impotent" in der Morgenpost würde sehr sicher die Auflage der Zeitung an dem Tag um ein Vielfaches steigern und alle anderen würden erstmal dumm in die Röhre schauen. Zumindest bis sie an einem der folgenden Tage die nächste unerhörliche Nachricht auf der Titelseite präsentieren. Und so geht das Gerangel um die Schlagzeile mit der größten Effekthascherei weiter und immer weiter. Alles im Namen des Profits. Und alle, die in der Öffentlichkeit stehen, versuchen sich dem entweder so weit wie möglich zu entziehen, zu schweigen, abzuwiegeln ODER offensiv mit den Medien umzugehen, in der Hoffnung, dass Neuigkeiten eher positiv als negativ kommentiert werden oder zumindest der "ehrliche Umgang" mit der jeweiligen Enthüllung als entlastend dargestellt wird und das öffentlich Image nicht allzu sehr darunter leidet.

Das an sich ist alles nichts Neues. Lustig allerdings finde ich, dass sich eben jene Medienmacher empört geben und so tun, als wären sie sich ihrer Macht nicht bewusst. So las ich heute morgen auf tagesschau.de einen Kommentar von Stephan Lochner, der sich fragt, warum Politiker wie Gordon Brown sich erst jetzt zu Wort melden und ihre Erfahrungen mit den Medien mit der Öffentlichkeit teilen. Sein Fazit: die Politiker haben Angst. Angst vor den Medien. Angst davor ihr Wohlwollen zu verlieren. Denn das Wohlwollen der yellow press, also der sogenannten Regenbogenpresse, heißt, dass man vom Großteil der Bevölkerung auch wohlwollend wahrgenommen wird. So kann man dann Wahlen gewinnen - oder verlieren, Erfolg haben - oder nicht, Geld verdienen - oder halt nicht.

Warum aber wundert sich Herr Lochner darüber, dass britische Politker im Normalfall mit den britischen Medien "kuscheln" (ein Umstand der sicherlich nicht nur für die Briten gilt)? Und eigene schlechte Erfahrungen aus Angst vor noch mehr schlechten Erfahrungen für sich behalten? Für mich ist das sehr gut nachvollziehbar. In einem Käfig voller Haie will man ungern zum Mittagessen werden. Vor allem, wenn man sein Privatleben und seine Familie schützen möchte. Menschlich. Sehr menschlich. Warum sollte es da Politikern anders gehen als uns Normalos.

Herr Lochner scheint seine Macht als Meinungsmacher selbst extrem zu unterschätzen, denn auch wenn er als Auslandskorrespondent in London sitzt, werden deutsche Politiker vor ihm und seinen Kommentaren genauso viel Angst haben wie die Briten vor Murdoch's Brut. Das ist einerseits nicht so gut, weil sie dann Dinge sagen und tun oder ankündigen, die sie eigentlich nicht so meinen oder dann doch nicht tun, andererseits allerdings ist das ja auch genau die Aufgabe der Medien: den Politikern auf die Finger klopfen und ihre Handlungen überwachen. Ein bisschen weniger Voyeurismus und Effekthascherei für die Schlagzeile wäre allerdings angebracht.

Diese ganze Geschichte zeigt aber auf jeden Fall wieder einmal, dass moralische Verwerflichkeit und Korruption wunderbarerweise doch irgendwann ans Licht kommen. Das wird niemanden davon abhalten, in Zukunft moralisch verwerflich zu handeln oder korrupt zu werden, aber es ist mir Genugtuung genug zu wissen, dass alles oder zumindest das meiste irgendwann rauskommt und sogar ein Medienimperium wie Murdoch's und somit sein Einfluss und seine Macht wieder schwinden kann. Und insofern hat ja beim aktuellen Skandal die Selbstüberwachung der Medien sehr gut funktioniert. Finally.

Dienstag, 12. Juli 2011

Verkehrte Welt

Erstaunlich, dass Zeit Online eine eigens für das "Schlagwort" Finanzkrise eingerichtete Seite erstellt hat, damit man auf einen Blick und chronologisch alle Nachrichten zu diesem Thema abrufen kann. Das nenn ich mal Service. So weiß ich jederzeit und überall, wie beschissen es um die europäischen Finanzen steht. Nichts wichtiger als das.

Bildquelle
Erstaunlicher noch finde ich jedoch, dass man unter diesem Schlagwort ziemlich lange suchen muss, um einen Artikel zu finden, der sich ausnahmsweise mal nicht mit dem Rettungspaket für Griechenland beschäftigt, sondern vielleicht mal mit den Geschäftspraktiken der Banken und Finanzmakler, deren Geldgier und Geltungssucht ja maßgeblich zu ebenjener lustigen Krise beigetragen haben. Offensichtlich interessiert die Welt eher die minütlichen Updates und Kommentare über die neuesten Entwicklungen in Griechenland als der Fakt, dass trotz allem just in diesem Moment zu Gunsten des maßlosen Profits wertlose Kredite und Anteile von Kleinanlegern und Häuslebauern wissentlich und geldgierig verschachert werden. Hauptsache ich bin nicht der Dumme. UND werde dafür auch noch belohnt.

Also entweder bin ich das oder die Welt tickt nicht mehr ganz richtig.

Ich frag mich übrigens, ob der Begriff Frauenfußball bei Zeit Online auch eine eigene Schlagwortseite bekommen hat... (Naja, niemand ist perfekt, wa!)

Montag, 11. Juli 2011

Die Motivation es besser wissen zu wollen als andere Besserwisser

Vor einiger Zeit zog es mich aus der hippen Hauptstadt in den biederen Norden, wo ich nicht nur die Liebe sondern auch mehr Arbeit fand. Neben Freunden, Familie, Kiez, netten Kneipen und leckeren Thai-Restaurants vermisste ich anfangs am meisten das oft schräge aber stets informative Programm von radioeins. Einen ähnlich coolen Sender mit ähnlich gutem Geschmack und ähnlich abwechslungsreichem Programm gibt es in Hamburg leider nicht. Stattdessen allerdings kann man NDR Info hören mit haufenweise Nachrichten, aktueller Berichterstattung und Reportagen rund um die Uhr.

Nicht nur, also, dass ich hier durch Familienplanung und Selbstständigkeit die schleichende Krankheit Erwachsenwerden bekam, nein, nun wurde ich auch noch ein Nachrichten-Junkie und zwar einer von der übelsten Sorte: ein Nachrichten-Junkie mit einer eigenen Meinung, einer der alles besser wissen will. Phah! Und so kam es, dass ich beim Frühstück, beim Autofahren, beim Arbeiten, beim Puscheln und beim Putzen die Informationen der Nachrichtenflut nicht nur verarbeitete und ab und an kommentierte, sondern auch noch ernsthaft anfing die Art und Weise, wie über bestimmte Dinge berichtet wird, zu hinterfragen, mich immer öfter zu wundern und stellenweise auch zu ärgern. Obgleich der NDR sicherlich zu den besseren unter den öffentlich-rechtlichen Sendern gehört, ganz zu schweigen von den privaten, ist selbst dieser Sender manchmal nicht in der Lage, aktuelle Themen objektiv, informativ und ausgewogen anstatt einseitig und fast vorwurfsvoll darzustellen und somit die Meinung der Hörer zu beeinflußen.

Selbstverständlich ist das Ansichtsache. Aber nehmen wir ein Beispiel: die deutsche Frauenfußballnationalmannschaft, laut Wikipedia die weltweit erfolgreichste Frauenfußballmannschaft neben den USA. Letzte Woche noch waren sie eine spielerisch überragende Mannschaft, die die schönen Französinnen in Grund und Boden gespielt hatte. Eine Mannschaft mit einer blendenden Zukunft, eine Mannschaft mit Profil und einer cleveren Trainerin, eine Mannschaft, die dem Fußballsport alle Ehre macht. Seit die Fußballfrauen jedoch am Samstag von den Japanerinnen aus dem Viertelfinale und damit leider auch aus dem Olympiakader gekickt wurden, wird plötzlich nur noch über Kritik an der Trainerin, enttäuschte Fans und dem vergeigten Sommermärchen berichtet. Plötzlich war die deutsche Mannschaft "nie richtig im Wettkampfspiel um die Weltmeisterschaft angekommen" (aus einem vom NDR zitierten Kommentar einer deutschen Tageszeitung, genauere Info leider nicht mehr gefunden). Plötzlich waren die deutschen Frauen dem Druck nicht gewachsen. Plötzlich wird alles und jeder in der Mannschaft in Frage gestellt. Dass so ein Tor im Fußball manchmal auch einfach nur eine Glückssache ist bzw. in diesem Fall eher eine Pechsache, dass auch die Schiedsrichter(innen) nicht perfekt sind und Fehler machen, dass die Medien- und Eventmacher überhaupt erst den übertriebenen Hype und die zu hohen Erwartungen kreiert haben, um soviel Geld wie möglich damit zu verdienen, dass die Veranstaltung selbst bisher eigentlich ein grandioser Erfolg war und auch die Fans ihren Spaß daran haben, über all das wird nicht gesprochen. Stattdessen werden Schuldige gesucht, gefunden und an den Pranger gestellt. Eigentlich haben wir es ja auch schon immer gewusst: die deutschen Frauen können einfach nicht Fußball spielen. Irgendjemand sollte wirklich dringend diesen Wikipedia-Eintrag ändern.

Nun ist NDR Info ja eher eine Art Schaltzentrale für alle möglichen Nachrichten aus allen möglichen Quellen. Aber auch die Auswahl der Quellen und Zitate spiegelt eine Meinung wider und ist an sich schon ein Kommentar zu dem jeweiligen Thema.

Lange Rede, kurzer Sinn, ich habe mich entschlossen, diesem Trend entgegen zu wirken und zumindest die meiner Meinung nach einseitigen Darstellungen zu kommentieren, um der Nachrichtenwelt in meinem kleinen Universum ein wenig Dreidimensionalität zurück zu geben. In Zukunft auch etwas geraffter. Versprochen.

Natürlich hoffe ich, dass es da draußen noch viel mehr bessere Besserwisser gibt, die meine subjektiven Kommentare ebenfalls kommentieren. Lasst uns interagieren!

In diesem Sinne, ATTACKEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEE!